Warning: mt_rand(): max(-1) is smaller than min(0) in /var/customers/webs/stalker/www.stalker.cd/inc/inc-home.php on line 93 Warning: Illegal string offset 'URL' in /var/customers/webs/stalker/www.stalker.cd/inc/inc-home.php on line 112 Warning: Illegal string offset 'LOC' in /var/customers/webs/stalker/www.stalker.cd/inc/inc-home.php on line 113 Warning: Illegal string offset 'URL' in /var/customers/webs/stalker/www.stalker.cd/inc/inc-home.php on line 130 Warning: Illegal string offset 'LOC' in /var/customers/webs/stalker/www.stalker.cd/inc/inc-home.php on line 131
Home

Das Magazin
Online stalker
Interaktiv
Über Uns
Bannerzone





Blind Guardian: Kein Eis und keine Cola!

Nach 4,5 Jahren Wartezeit steht wieder ein neues Blind Guardian Album in den Startlöchern - hier die Beyond the Red Mirror Review . Über Albumkonzept, Neuerungen und die besten Blind Guardian Songs aller Zeiten sprachen wir mit Gitarrist Marcus Siepen. Und er hat auch zum Thema Whisky etwas ganz Wichtiges anzumerken ...


Marcus, wenn ich es richtig verstanden habe, dann handelt es sich bei ``Beyond the Red Mirror`` um ein Konzeptalbum, dass im Grunde eine Fortsetzung zu ``Imaginations from the Other Side`` ist.
Das hast du richtig verstanden, allerdings mit kleiner Einschränkung: Es setzt nicht Imaginations fort, sondern 2 Stücke von dem Album, die thematisch zusammenhingen. Das waren `Bright Eyes` und `And the Story Ends`. Es geht dabei um die Geschichte eines Kindes, das isoliert in seiner Welt lebt, in der es ein Niemand ist. Es hat jedoch die Möglichkeit durch ein geheimnisvolles Tor zu treten und dadurch in eine andere Welt zu gelangen, in der es ein Held sein kann. Das neue Album greift diese Geschichte auf und erzählt sie weiter.
Als wir angefangen haben an dem Album stand nicht von Anfang fest, dass es ein Konzeptalbum wird und schon gar nicht, dass es auf dieser Story basieren wird. Die Idee entstand an den Arbeiten an unserem Best of-Album, dass vorletztes Jahr erschienen ist. Als wir durch die alten Sachen gegangen sind, ist Hansi bewusst geworden, dass es noch eine offene Geschichte gibt und hatte dann die Idee, das Thema wieder aufzugreifen und 20 Jahre später zu beenden. Es handelt sich also um ein klassisches Konzeptalbum.

Wo siehst du musikalisch die größten Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten zu dem Vorgänger ``At The Edge of Time``?
Bei Edge haben wir zum ersten Mal mit einem echten Orchester gearbeitet, was uns sehr viel Spaß gemacht hat und was wir auf jeden Fall fortführen wollten. Uns war klar, dass man in dieser Richtung noch mehr machen kann und das wollten wir dieses Mal ausreizen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Rahmengerüst, bestehend aus den beiden längsten, epischen Songs am Anfang und am Ende des Albums. Das hat uns beim letzten Mal gut gefallen, weil es gut ins Album rein- und auch wieder rausführt.
Ansonsten passiert aber viel Neues. Das Album ist eher düster, wobei die düstere Grundstimmung regelmäßig durch wesentlich positiver klingende Refrains wieder aufgelockert wird. Wir haben zum ersten Mal mit sehr tief gestimmten Gitarren gearbeitet, zwar nicht durchgängig, aber bei einigen Stücken. Wenn du eine Gitarre, die auf dropped B gestimmt ist, spielst, ändert das den ganzen Sound und kann dadurch sehr inspirierend sein. Es hört sich anders an und fühlt sich auch anders an, so dass du die Gitarre anders spielst als sonst. Wir haben außerdem mit futuristisch klingenden Soundeffekten rumgespielt, haben im Gegenzug die folkloristischen Elemente zurückgefahren. Dadurch hat das ganze Album für mich eine Art Soundtrack-Charakter.

Mir ist aufgefallen, dass dieses Mal die Leads deutlich weniger dominant sind und dafür die Rhythmus Gitarren mehr im Vordergrund steht.
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die Rhythmus Gitarren mehr im Vordergrund steht, die Leads sind aber zurückgefahren worden. Die Leads waren in der Vergangenheit teilweise sehr dominant, das ist richtig, wir haben jetzt versucht eine größere Balance reinzubringen. Dazu kommt, dass jemand du hineinbringst - damit meine ich das Orchester - desto mehr musst du andere Sachen zurücknehmen, denn du hast nicht unendlich viel Platz in einem Arrangement. Somit war klar, dass wir manche Elemente zurückfahren müssen, um mehr Platz für das Orchester zu machen. Was die Lead Gitarren anbelangt, hat sich diese Entwicklung bereits auf dem letzten Album angedeutet. Es wird sicherlich immer Lead Gitarren Arrangements bei uns geben, denn sie sind fester Bestandteil des Blind Guardian Sounds, aber sie müssen nicht immer im Vordergrund stehen.


Würdest du mir zustimme, dass das Album deutlicher komplexer und dadurch weniger eingängig als ``At the Edge of Time`` ist?
Deutlich komplexer: klares Ja. Weniger eingängig: Ich kann nicht Nein sagen, aber auch nicht Ja. Ich finde es nicht weniger eingängig, ich kann aber nachvollziehen, wenn jemand Zeit braucht, um sich durchzubeißen. Es ist das komplexeste, was wir bisher gemacht haben, ich finde es aber trotzdem relativ eingängig. Es ist definitiv keine Easy Listening Musik, die man so nebenbei konsumiert. Man muss es sich bewusst anhören, aber ich denke, dass man relativ schnell einen Zugang kriegt.

Ich finde, dass einen viele Refrains nicht unbedingt anspringen. Als Beispiel sei hier der Song `At The Edge Of Time` genannt.
Der Song ist natürlich ein untypisches Beispiel, da das Stück über 7 Minuten eine konstante Entwicklung nimmt. Es wird immer größer, baut sich immer weiter auf und hat nicht so die klassische Songstruktur. `Twilight of the Gods`, die erste Single, hat da eher so den klassischen Approach. Das ist für mich ein typischer Blind Guardian Speed Metal Song.

Wo die Single gerade erwähnst, lass uns kurz darüber sprechen: Warum habt ihr ausgerechnet diesen Song als Single gewählt, denn meiner Meinung nach handelt es sich bei weitem nicht um den Stärksten des Albums?
Gegenfrage: Muss eine Single immer der stärkste Song des Albums sein?

Da eine Single ja ein Appetizer für das Album sein soll, würde ich da schon den stärksten Song für wählen.
Ja, eine Single soll Appetit auf das Album machen. Und ich gebe dir auch recht, dass Twilight of the Gods nicht der stärkste Song des Albums ist. Mein momentaner Lieblingssong ist zur Zeit Sacred Mind, wobei sich das regelmäßig ändert. Aber lass mich die Single mit einem Kinotrailer vergleichen: Es ist Standard, dass du bei einem Filmtrailer die besten Szenen hintereinander geschnitten kriegst und dann gehst du ins Kino und der Rest des Films kann nicht mit dem Trailer mithalten und ich gehe enttäuscht nach Hause. Das Erlebnis hatte ich in letzter Zeit oft.
Ich halte Twilight of the Golds für einen relativ starken Song und ich halte ihn für einen typischen, relativ zugänglichen Blind Guardian Song. Trotzdem sind auch hier neue Elemente wie die tiefer gestimmten Gitarren oder die düstere Atmosphäre, die durch den Refrain wieder aufgebrochen wird, am Start. Diese Wechselspiele hatten wir so in der Vergangenheit auch nicht. Somit bringt der Song einen guten Einblick in die Sachen, die den Hörer auf dem Album erwartet. Den typischen Song, der das Album interessiert, gibt und gab es bei uns eh nicht. Aus diesen Gründen haben wir uns für diesen Song entschieden. ich stehe nach wie vor dazu, auch wenn es auch nicht mein Lieblings-Song ist.

Lass uns kurz bei der Single bleiben: Diese hat so ziemlich die langweiligste B-Seite, die ihr je hattet. Sonst waren oft Coverversionen vertreten. Warum hat es dieses Mal ``nur`` für 2 Live-Songs gereicht und dann auch noch welche, die es schon als Live-Versionen gibt. Wären bisher unveröffentlichte Stücke, z.B. von ``Edge`` da nicht die bessere Wahl gewesen?
Die Single war nicht von vornherein geplant. Irgendwann kam von unserer Plattenfirma die Anfrage für eine Single. Wir haben uns dann Gedanken gemacht, ob wir eine Single machen wollen oder nicht und waren uns da anfangs überhaupt nicht einig. Wir sind ja eh keine typische Single-Band, die Airplay im Radio bekommt - da erzähle ich ja nichts Neues. Insofern ist eine Single nur zur Promo und für Sammler da. Da die Anfrage relativ spät kam, hatten wir kein Material für eine B-Seite eingeplant. Als wir uns dann doch dazu entschieden haben, haben wir nach Bonus-Material gesucht. Wir hatten noch die Aufnahmen vom Wacken 2011 und wir haben dann Songs im Set gesucht, die wir entsprechend geil gespielt haben, so dass wir daran nicht noch rumdoktern mussten.

Wird es denn dieses Mal auch ein Video geben?
Auch da haben wir drüber gesprochen. Meiner Meinung nach macht ein Musikvideo heute keinen Sinn mehr, denn es gibt kein Musikfernsehen mehr. Zumindest empfange ich keins. Deshalb macht man heute Videos eigentlich nur noch für die eigene Homepage und ich weiß nicht wie viel Sinn das macht. Deshalb haben wir ein Lyric-Video gemacht, was mir zunächst nicht viel gesagt hat. Aber ich muss sagen, dass das Ergebnis zumindest recht cool aussieht. Das scheint auch das neue Videoformat zu sein, so wie ich es von anderen Bands erfahren habe. Vielleicht schneiden wir auf Tour noch ein Live-Video mit, so wie wir es damals bei `Born in a Mourning Hall` gemacht haben. Echte Live-Videos machen mir eh am meisten Spaß, denn ich bin nicht der Typ, der gerne stundenlang zum Playback post.

``Beyond the Red Mirror`` ist nicht nur ein Konzeptalbum, sondern auch relativ sperrig und komplex. Wie verträgt sich so etwas mit heutigen Konsumgewohnheiten wie Spotify, iTunes und Co?
Wahrscheinlich gar nicht, aber da nehmen wir keine Rücksicht drauf. Wir gehen da unserm eigenen Weg und folgen unserer Vision. Und ob das in die Spotify- oder iTunes-Zeit passt ist uns dabei relativ egal. Wenn du dich daran anpasst, hast du meiner Meinung nach schon verloren, denn dann wird die Musik zu Fast Food.
Ich habe neulich im Internet eine Diskussion über Spotify verfolgt. Dort haben sich Leute beschwert, dass Spotify Musikern nicht genug bezahlt und eine Gegenstimme meinte, dass der Urheber ja jedes Mal Geld bekommt, sobald der Song abgespielt wird. Das summiere sich dann ja über die Jahre. Der Kritiker meinte dann dazu, dass diese Theorie Schwachsinn sei, da er in seinem ganzen Leben noch keinen Song mehr als 10x gehört habe. Das ist aber nicht meine Art des Musikhörens, denn meine Lieblingsplatten habe ich Milliarden Mal gehört. Auf diesen Zug möchte ich nicht aufspringen. Der typische Spotify- oder iTunes-Hörer kann nicht unser Maßstab sein.
Mit Streaming oder dem iTunes-Store an sich habe ich kein Problem. Ich habe mir selber dort Platten gekauft und habe auch einen Spotify-Account. Ich finde das Konzept okay, aber ich bin kein Fastfood-Musik-Hörer. Ich höre eine neue Platte immer wieder und seziere sie dabei auch. Und mit diesem Ansatz gehen wir auch an unsere Musik. Wir haben eine Vision und ob das in moderne Moden passt, ist uns echt egal.

Die Songs werden hauptsächlich von André und Hansi geschrieben. Welchen Input haben du und Frederik auf das Album?
Jeder kann mitschreiben. Ich habe mit Hansi auch einem Song geschrieben, der allerdings nicht fertig geworden ist. Vielleicht wird er für das nächste Album fertig gestellt. Wir haben auch noch an einer anderen Nummer zusammen gearbeitet, die aber auch nicht rechtzeitig so geworden ist, wie wir sie haben wollten. Da sind wir absolut Ego frei und legen die Sachen dann erst mal zur Seite.
Einfluss hat aber jeder. Auch wenn André und Hansi die Hauptsongwriter sind, kann jeder etwas zu den Songs sagen und Vorschläge machen. Auch ändert sich beim Einspielen das ein oder andere, da ja jeder seine Parts interpretiert. So hat jeder seinen Einfluss auf die Sachen.

Auf At the Edge of Time habt ihr zum ersten Mal mit einem Orchester gearbeitet, nun mit insgesamt 3 Chören? Warum diese Geldverschwendung, wo mittlerweile doch sogar viele Film-Soundtracks mit Sample-Bibliotheken gemacht werden?
Wir arbeiten mit orchestralen Sachen seit Nightfall in Middle-Earth. `Dark Passage` war damals der erste Song, in dem wir Orchester verwendet haben, wobei dieses von einem Keyboard stammte. Man kann das machen, die Sachen klingen auch immer besser und lassen sich immer besser programmieren. Sie klingen aber immer anders als ein echtes Orchester. Wenn du z.B. `Wheel of Time` mit `And then there was Silence` vergleichst, wirst du mir vermutlich zustimmen, dass das echte Orchester deutlich besser klingt. Natürlich ist es teurer und aufwändiger, aber für uns zählt das Endergebnis. Wir finden, dass es besser klingt, also wollen wir es haben.
Dass es nun im Endeffekt bei diesem Album 2 Orchester und 3 Chöre waren, war so nicht geplant. Das lag auch nur an Terminproblemen, da wir zu einem gewissen Punkt in der Produktion die Aufnahmen brauchten und unser Stammorchester aber nicht verfügbar war. Bei den Chören lag es zum einen auch Terminproblemen. Zum anderen lag es aber auch daran, dass wir eine gewisse Größe haben wollten. Die Chöre in `The 9th Wave` sollten ein `Camina Burana`-Feeling erzeugen und dazu brauchten wir diese Größe. Diese größte erreicht man nur durch Masse. Man kann zwar kleine Chöre immer und immer wieder doppeln, du wirst die Größe aber trotzdem nicht erreichen, weil sich irgendwann Frequenzen gegenseitig auslöschen, da man ja immer nur die gleichen Stimmen doppelt. Wir brauchten also mehr Stimmen um diese Größe zu erzeugen. Wir hätten da auch mit Konserven arbeiten können, das war aber nicht unser Ding.

André hat gesagt, dass er `Grand Parade` für den besten jemals geschriebenen Guardian Song hält. Teilst du diese Ansicht, immerhin muss er sich Konkurrenz wie `Mirror Mirror`, `And then there was Silence` und `Wheel of Time` durchsetzen?
Ich tue mich mit solchen Aussagen grundsätzlich sehr schwer, denn das ist immer Momentabhängig. Ich halte `Grand Parade` für einen sehr, sehr guten Song, definitiv einen unserer besten Songs. Ich könnte aber bei keinem Song sagen, dass das der Beste ist. Momentan ist mein Lieblingssong vom neuen Album `Sacred Mind`. Das kann sich morgen aber wieder ändern.
Ich werde oft gefragt, was mein Lieblingssong von Blind Guardian ist. Das ist aber immer stimmungsabhängig. Wenn ich voller Energie bin, wird es vermutlich irgendeine schnelle, harte Nummer sein und wenn ich in Reuephase bin, ist es vielleicht `The Bard`s Song`.

Was können wir auf der nächsten Tour erwarten? Welche neuen Stücke plant ihr zu spielen?
Zu neuen Songs kann ich noch nicht so viel sagen, denn wir haben die Torproben noch nicht begonnen. Wir haben bereits eine Liste mit Songs - alten Songs wohlgemerkt - zusammengestellt, die wir spielen wollen. Das sind bis lang etwa 40 Songs. Da sind natürlich die unvermeidlichen Evergreens dabei, aber da sind auch viele Songs dabei, die wir noch nie gespielt haben, die aber schon seit Jahren verlangt werden. Da sind auch ein paar ganze alte Sachen dabei. Über die neuen Stücke reden wir gerade. Wir werden 4 bis 5 Stücke bei unseren Proben erstmal angehen und schauen wie sie sich umsetzen lassen. Ungefähr so viele neue Songs möchten wir auch insgesamt im Set verteilen. Welche das werden müssen wir aber noch schauen. Wir haben halt das Problem, dass wir die Stücke für die Live-Performance neu arrangieren müssen, da wir auf dem Album immer mehr als 2 Gitarren haben, live jedoch nicht. Das gleiche gilt für die Gesangsspuren. Mehr als 6 Stimmen geht live nunmal nicht. Wir können natürlich nicht 40 Songs jeden Abend spielen, sondern nur 100 - 120 Minuten. Also werden wir jeden Abend wieder etwas wechseln.

Kannst du mir eure derzeitigen Kandidaten verraten?
Nein, noch nicht. Das ist zu früh. Ich gehe aber davon aus, das `Twilight of the Gods` im Set. Das ist unsere Single und die dürfte sich relativ leicht umsetzen lassen. Deshalb gehe ich davon aus, dass der im Set ist. Alles weitere wird eine Überraschung.`


Zwischen 2 Alben liegen bei euch mindestens 4 Jahre. Ihr geht zwar auf ausgedehnte, weltweite Touren, seid aber auch nicht die Weltmeister im Touren. Wie ist es euch bei dem Zeitplan möglich in der heutigen Zeit von der Musik zu leben?
Wir sind anscheinend erfolgreich genug. Wie ich das genau erklären soll, weiß ich nicht. Unsere Platten verkaufen sich nach wie vor recht gut, auch wenn wir mittlerweile auch Einbußen haben seitdem es Downloads gibt. Jede Band, die das leugnet lügt, denn jeder ist davon betroffen. Aber wir haben eine sehr loyale Fanschicht, die unsere Alben kauft, zur Tour kommt und vielleicht auch noch ein T-Shirt kauft. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen. Wir können nach wie vor von der Musik leben.

Was mir aufgefallen ist, dass in eurem letzten Tour-Zyklus - im Gegensatz zu den Jahren davor - mehrmals wieder auf deutschen Festivals gespielt habt. In Kürze tretet ihr auch noch auf der 70.000 Tons of Metal-Kreuzfahrt auf. Sind solche Auftritte der wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet?
Klares Nein! Auf der 70.000 Tons of Metal verdienen jetzt auch nicht so viel Geld, dass wir uns danach 2 Jahre zur Ruhe setzen könnten. Wir hatten immer den Tour-Rhythmus, dass wir erstmal eine Headliner-Tour fahren und danach Festivals spielen. Daran hat sich auch eigentlich nichts geändert. Wir beginnen im April mit der Europa-Tour und danach geht es nach Japan, Australien, Nord- und Südamerika. Danach schließen sich dann im nächsten Jahr die Festivals an. So fahren wir das eigentlich immer.
Was bei uns aber anders ist, als bei vielen anderen Bands, dass wir nach einer Tour bis zum nächsten Album keine weitere Tour spielen. Im letzten Jahr haben wir genau 4 Shows gespielt, nicht um die Kasse wieder aufzufüllen, sondern um langsam wieder Live-Luft zu schnuppern und wieder reinzukommen, sozusagen als Vorbereitung auf die jetzige Tour.
Ich glaube, dass sich viele Bands Illusionen machen. Man sagt ja, dass man heute über Platten nichts mehr verdient, sondern nur noch durch Touren. Das stimmt so nicht. Natürlich verdient man Geld, wenn eine Tour gut läuft, sonst würde ja auch keine Band touren. Aber man kann das nicht ewig ausdehnen, was viele Bands machen. Wenn man für einen Release 3x in Deutschland tourt, dann darf man sich nicht wundern, wenn immer weniger Leute zu den Shows kommen. Da das zur Zeit ziemlich viele Bands so machen, gibt es einfach den totalen Tour-Overkill im Moment. Ich glaube, dass viele Bands zu viel touren und sich dadurch überrepräsentieren. Das wollten wir immer vermeiden. Ich liebe es zu touren - das ist nach wie vor das, was mir am Musikerdasein am meisten Spaß macht - aber uns ist allen klar, dass wir das nicht endlos ausdehnen können.

Lass uns noch kurz beim Geld bleiben: In letzter Zeit versuchen immer mehr Bands neue Einnahmequellen zu erschließen. Ein Auswuchs davon sind VIP-Tickets, Tickets, bei denen man dafür zahlt, dass man die Band trifft. Wie steht ihr dazu?
Wir haben da noch nicht drüber gesprochen und ich glaube auch nicht, dass das ein Thema für uns ist. Wir haben so was in der Vergangenheit des öfteren verlost. Ich finde diese VIP-Tickets eher zwiespältig. Ich möchte keine Band gezielt angreifen, aber es sieht für mich nach reiner Geldmacherei aus, insbesondere wenn der Fan nur wenig Gegenwert bekommt. Neulich habe ich gelesen, dass eine Band VIP-Tickets verkauft und der Fan dazu noch das Ticket für die Show on top kaufen muss. So was finde ich schon ziemlich abgezockt. Ich finde so etwas blödsinnig.
Ich glaube, dass für viele Fans der Backstage-Bereich etwas Mystisches hat, das man unbedingt sehen muss. Eigentlich ist der Backstage-Bereich aber der langweiligste Ort im ganzen Club, denn da stehen eigentlich nur 1000 Cases und müde Roadies rum und eine Band wartet darauf, dass es weiter geht. Das ist eigentlich das ganze Mysterium.

Du hast die Groupies unterschlagen...
Dieses Mysterium habe ich in 30 Jahren auch noch nicht entdeckt, haha. Vielleicht spiele ich dazu in der falschen Band.

Okay, genug über Geld geredet, lass uns wieder über Musik sprechen: Über Jahre hieß es von eurer Seite, dass bei den Nightfall-Sessions einige Stücke übrig geblieben sind, die nicht verwendet wurden. Diese sollten immer mal veröffentlicht werden. Kürzlich habe ich gelesen, dass sie in anderen neuen Stücken aufgegangen sind. Um welche Stücke handelt es sich dabei?
Das ist zum Teil richtig. Ein Stück, das bereits verwendet wurde, ist `Harvest of Sorrow` (B-Seite von `And Then There Was Silence`). Ich habe das für Nightfall geschrieben, aber es ist nicht rechtzeitig fertig worden. Zwei weitere Songs, die auch ich geschrieben habe, werden bald veröffentlicht. Ein Song, `Doom`, wird jetzt als Bonustrack auf dem Earbook veröffentlicht. Dann gibt es noch einen weiteren Song, den wir jetzt fertig gemacht haben, den wir aber noch nicht veröffentlichen. Das Parts in anderen Stücken aufgegangen sind, ist aber nicht so.

Andrés Zitat bringt mich zu einer weiteren Frage: Bitte benenne je Album die deiner Meinung nach - heutiger Stand - kompositorisch am besten gelungenen Songs!
Von ``Battalions of Fear`` würde ich `Majesty` sagen, auch wenn es nicht unbedingt unser Lieblingssong ist. Ich glaube trotzdem, dass es der beste Song von dem Album ist. Wir spielen ihn auch immer mal wieder, weil er auch immer wieder gefordert wird. Der Song hat auch sicherlich seine Momente, ist aber meiner Meinung nach zu lang. Wenn er etwas gestrafft wäre, wäre er besser. Aber er repräsentiert unsere damalige Phase und deshalb wollen wir da gar nicht dran rumdoktern.
Von ``Follow the Blind`` würde ich den Titelsong nehmen.Ich halte ihn für einen unserer unterbewertetsten Songs, was mir allerdings erst bei den Arbeiten an unserem Best of-Album bewusst geworden ist. Der Song ist uns damals schon irgendwie durchs Raster gerutscht. Wir haben den Song bislang genau einmal live gespielt, das muss 1989 auf einem Festival in Lübeck gewesen sein.
Von ``Tales From A Twilight World`` würde ich `Traveller in Time` nehmen. Das war damals eine unserer ersten Nummern, mit der wir unseren eigenen Stil gefunden und gefestigt haben.

Von ``Somewhere Far Beyond`` würde ich auf jeden Fall den Titelsong nehmen, der für mich einer der besten Songs ist, den wir jemals geschrieben haben. Es macht unglaublich viel Spaß den Song zu spielen und ich finde, dass kompositorisch sehr viel passiert. Das Songwriting ist extrem progressiv, alle 30 Sekunden wechseln wir die Tonart, zig verschiedene Parts und 2 verschiedene Refrains und trotzdem bildet alles eine Einheit und funktioniert. Ein absolutes Highlight in der Blind Guardian Geschichte!
Von der ``Imaginations From The Other Side`` nehme ich `I`m Alive`. Das ist einer meiner heimlichen Favoriten. Wir spielen den Song immer mal wieder, wobei er eigentlich nie im Stammset war. Er macht sehr viel Spaß und hat durch die Akustikbreaks eine schöne Dynamik und trotzdem ist der Song schnell und hart. ls zweiter Kandidat fällt mir gerade noch `The Script For My Requiem` ein. Aber jetzt habe ich mich ja schon für einen anderen Song entschieden...
Von ``Nightfall in Middle-Earth`` nehme ich `Noldor`. Wir haben den auf der Nightfall-Tour ein paar Mal gespielt, aber nicht wirklich oft. Der ist auch irgendwie durch das Raster gefallen. Ich halte ihn auch für einen unserer besten Songs. Ich mag die Grundstimmung, es passieren viele schöne Wechsel, gefällt mir sehr gut.
`Dann kommt ``A Night At The Opera``. Da nehme ich `Battlefield`. Das ist für mich auch einer der besten Songs, den wir geschrieben haben, leider aber unglaublich schwer live umzusetzen. Wir haben es für verschiedene Touren geprobt, mussten aber immer kapitulieren, weil es zu schwer umzusetzen ist. Er ist auch jetzt wieder auf unserer Liste und wir werden sehen, ob wir ihn jetzt besser umgesetzt kriegen.
Von ``Twist In The Myth`` nehme ich `This Will Never End`. Der ist hart, klingt aber anders als die Sachen, die wir vorher gemacht haben. Der ist für André und mich überraschend schwer live zu spielen, weil ständig kleine, fiese Sachen passieren, die gar nicht so einfach zu spielen sind. Es ist auch heute immer noch eine Herausforderung den Song tight zu spielen, insbesondere da er ja auch nicht gerade langsam ist, macht aber Spaß.
Von ``At The Edge Of Time`` gefällt mir `Wheel Of Time` am besten. Ich mag zum einen das Orchester und die orientalischen Einflüsse und ich glaube, dass er auch zu unseren besten Songs gehört.

Der gedachte Vorgänger von eurem aktuellen Album, "Imaginations" wurde vor 20 Jahren veröffentlicht. Viele eurer jüngeren Fans waren damals vielleicht gerade geboren. Bitte vergleich die Szenen von damals und heute miteinander.
Ich glaube, dass die Szene heute größer und vielleicht auch gesünder ist as damals. In den 90ern hieß es ja, dass Metal tot sei, was alles Blödsinn war. Metal ist und war nie tot, aber Grunge war holt das große, neue Ding. Die Szene war aber auch damals gesund. Nach dem Grunge, den ich als eine Welle betrachte, kamen dann andere Wellen wie Nu Metal, der Death Metal wurde wieder groß, dann das True Metal Revival. Aus jeder Welle sind die guten Bands geblieben und die schlechten gegangen. Die Szene heute ist größer und vielfältiger, auch bedingt durch die Wellen. Die Szene ist gesund und groß nd vielfältig.

Seit 2012 bist du gemeinsam mit eurem Schlagzeuger Frederik auch bei Sinbreed tätig. Was ist für dich der Unterschied zwischen beiden Bands?
Ich gehe mit dem gleichen Approach an beide Bands ran, musikalisch sind sie halt unterschiedlich. Ich versuche bei beiden Bands das beste zu geben, egal ob beim Songwriting, Aufnahmen oder bei Liveshows. Sinbreed sind zwar auch melodischer Speed Metal, aber deutlich straighter als Blind Guardian. Es gibt keine Orchestrationen und die Songs sind deutlich unprogressiver. Es ist halt was anderes als Blind Guardian, macht aber unglaublich viel Spaß.
Es war für mich auch ein sehr interessanter Lernprozess, wieder mit einem anderen Gitarristen zu spielen. André und ich spielen jetzt 30 Jahre zusammen und sind blind aufeinander eingespielt. Flo (Laurin, Gitarrist von Sinbreed) spielt wahrscheinlich Gitarre, wie kein anderer Gitarrist auf dieser Welt. Er ist in seinen Betonungen und Rhythmen sehr eigen. Mit ihm zu spielen hat mich in meinem Gitarrenspiel enorm weitergebracht. Weniger bei meiner Technik, aber die Erfahrung mit anderen Leuten Musik zu machen. Und außerdem macht es enorm Spaß mit den Jungs von Sinbreed zu spielen.

Und obwohl du noch nie mit ihm gespielt hattest, seid ihr in eure erste Show ohne eine einzige Probe gegangen...
Das ist richtig. Es war eine Probe geplant, die ich aber auch gesundheitlichen Gründen absagen musste. Frederik fragte mich damals, ob ich Lust habe einige Shows mit Sinbreed zu spielen. Ursprünglich ging es gar nicht um festes Einsteigen. Sie hatten damals mit Flo nur einen Gitarristen, was live die Möglichkeiten doch limitiert. Ich kannte damals die CD und ich mochte sie und habe dann spontan zugesagt. Während einer Südamerika-Tour habe ich mir dann an einigen Off-Days die Sachen drauf geschafft und dann wollten wir eigentlich eine Woche vor der Show gemeinsam Proben. Dann bekam ich einen Migräneschub und ich musste die Probe absagen. Ich haben den anderen aber versichert, dass ich meine Parts spielen kann und sie sich keine Sorgen machen sollen. Wir haben die Show dann durchgezogen und sie lief wunderbar.

Auf deiner privaten Homepage www.marcussiepen.com listet du deine u. a. derzeitigen Lieblingsbücher und DVDs auf. Bei der Menge könnte man glatt den Eindruck kriegen, dass du trotz deinem Engagement in 2 Bands nicht weiß wohin mit deiner Zeit.
Haha! Warum? Gucke und lese ich zu viel?

Lass es mich so sagen: Ich habe nicht so viel Zeit, so viele Bücher hintereinander weg zu lesen.
Gerade wenn wir auf Tour sind, habe ich enorm viel Zeit. Der Alltag auf Tour besteht aus 22 Stunden und 2 Stunden Musik machen. Die 22 Stunden Warten kannst du hervorragend mit lesen, Filme gucken oder zocken verbringen, wenn du dich nicht gerade als professioneller Tourist betätigst, was wir auch gerne mal machen. Aber die Zeit nehme ich mir. Ich schaue jetzt nicht unbedingt eine Serie am Stück, aber meine Frau und ich schauen gerne Serien und schauen abends dann eine Episode. So arbeiten wir uns da langsam durch. Lesen tue ich auch jeden Tag. Seitdem ich auf eBook Reader umgestiegen bin, ist das Lesen unterwegs deutlich komfortabler. Früher hatte ich 5-6 sperrige, schwere Bücher mit auf Tour, die hinterher alle sauig waren, heute nimmst einen eBook Reader mit 500 Büchern mit. Genial!

Zum Schluss noch eine Frage, auch inspiriert durch deine Homepage: Scotch oder Bourbon?
Scotch! Punkt! Mein Lieblings Scotch der 15 jährige Glenlivet, ein schöner Single Malt. Der ist preislich ok und unglaublich lecker. Für mich ist das der perfekte Scotch. Ich mag zwar auch einige Bourbons, tendenzielle trinke ich aber lieber Scotch.

Möchtest du noch etwas zum Anschluss sagen?
Ja! Kein Eis und keine Cola im Scotch, haha! Ganz wichtige Regel, die von unglaublich vielen Leuten immer wieder gebrochen wird. Also wichtige Botschaft an alle Leser: Pantscht euer Getränk nicht!

Dem ist, außer einem Dankeschön für das ausführliche Gespräch, nichts hinzuzufügen!



Autor: Timo Pässler, photos: Band
Eingetragen am: 2015-01-29

Kommentare lesen: 0                           Kommentar schreiben


Loading







Axemaster: Eine Ouvertüre für noch viel mehr
Eine dieser Bands mit einer langen Geschichte: Axemaster wurden 1985 gegründet und hat die Szene mit >> more/mehr
2015-06-16
Freedomination
Fresh Act Juli / August
Wenn man in Finnland lebt, ist es schwierig, die einfache Tatsache zu ignorieren, dass diese Nation die >> more/mehr
2015-07-01
Tuska Open Air 2015
Wir hatten uns schon allmählich mit dem Gedanken abgefunden, dass der Sommer 2015 offenbar von höherer ... more/mehr 2015-07-07
CD: Powerwolf
Zwei Jahre nach ihrem überragenden Nummer 1 Hit „Preachers of the Night“ legen die Wölfe ihr neues Album „Blessed & Possessed“ ... more/mehr 2015-08-03
CD: Big Wreck
Seit 1990 gibt es die Band Big Wreck nun schon, und das Album, welches bereits 2014 in den USA und Kanada veröffentlicht ... more/mehr 2015-07-13
CD: Biters
Diese Jungs aus Atlanta veröffentlichen mit „Electric Blood“ ihr Debüt-Album, voll mit feinstem Punk´n´Roll. Obwohl es die ... more/mehr 2015-07-10
CD: Wilson
WILSON habe ich diesen Frühling in Hamburg das erste Mal live auf der Bühne gesehen – als Support von Halestorm. Live haben ... more/mehr 2015-07-01
CD: Donald Cumming
„Out Calls Only“ ist das Debüt-Album von Donald Cumming, ex-The Virgins Sänger, zumindest was seine Arbeit als Solo-Künstler ... more/mehr 2015-07-01
KONZERT: Faith No More
Die vor kurzem erfolgte Wiedervereinigung der 1998 aufgelösten, legendären Crossover Band Faith No More schlug hohe ... more/mehr 2015-06-24
KONZERT: Apocalyptica
Als meine Anreise nach Clifton Park begann, wusste ich nur, dass es ein verdammt langer Tag werden würde. Aber als ich es ... more/mehr 2015-05-22
KONZERT: Dirge / Crib45
Ungewöhnlich früh ging auch schon dieser Gig los, was jedoch alle Berufstätigen durchaus begrüssten – nicht zuletzt die jeweiligen ... more/mehr 2015-05-10
KONZERT: The Poodles / Pretty Wild
Der heutige Abend steht ganz im Zeichen der schwedischen Krone. Unter Blau/Gelber Flagge darf natürlich auch ein Konzert ... more/mehr 2015-05-02
English Deutsch Interview: Blind Guardian: Kein Eis und keine Cola! - STALKER MAGAZINE inside out of rock´n´roll