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- Rezension: KONZERTE - CONCERTS -


Henry Rollins (Spoken Word) - Keep The Hate Going

2005-03-16
Stadt / City Frankfurt 
Land / Country GER 
Web www.henryrollins.com
 
Veranstaltungsort:
Location
Campus Westend, Festsaal Casino 
Datum / Date13 Jan 2005 
Bildergalerie / Picture gallery Henry Rollins 
Photos: hfr. 

Ein Hoch auf den Routenplaner! Also, wenn ich mich dahin hätte durchfragen müssen, ich wäre wahrscheinlich heute noch nicht da ... Mit viel Dummenglück bin ich also kurz nach Einlass an der Halle, ergattere sogar noch nen Sitzplatz in der ersten Reihe und hol mir erst mal ein lecker Gläschen Wein. Im Innenraum, der für etwa 600 Zuschauer ausgelegt war, herrschte sogar angenehmerweise Rauchverbot.

Das Bühnenbild war wie immer (auch bei seinen Shows mit der Rollins Band) spartanisch: Mikroständer, Mikro, 2 Monitorboxen, Ersatzmikro, schwarzer Hintergrund, weißes Licht – that's it.

Gegen 20.15 Uhr gings dann auch los, plötzlich preschte „Hank“, der mittlerweile tatsächlich mehr Shows als Kiss auf dem Buckel hat, ins Rampenlicht, nahm den aufbrandenden Applaus dankbar entgegen und startete mit einer Art Klarstellung, einem „public service announcement“, wie er das nannte. Es ging ihm darum zu betonen, dass nicht alle Amis Deppen wären, nur weil George W. Bush wiedergewählt wurde. Ne Menge Leute haben, wie er, für Kerry gestimmt und er erzählte auch gleich, wie er sich extra nen Wecker gestellt hatte, um auf jeden Fall zur Wahl zu gehen. Dort hat er dann drei Mal durch die Seiten geblättert und sich immer wieder selbst überzeugt, dass er sein Kreuz auch an der richtigen Stelle gemacht hat usw.
Er sei natürlich geschockt, dass der Hohlkopf wiedergewählt wurde, aber andererseits ist er auch ein bisschen dankbar für den Dreck, den Bush sagt, weil er ja Material für seine Spoken Word-Shows braucht und Bush garantiert bei jeder Rede, die er hält, irgendeinen grammatikalischen und natürlich inhaltlichen Bock schießt – was stark damit zusammenhängt, dass er, laut Rollins, einfach seine Sprache nicht beherrscht. Er muss ja nachmittags meist nicht wie andere Leute arbeiten und zieht sich dann ab und an Originalmitschnitte der Präsidentenreden rein (die Zeitungen – außer der Washington Post – bereinigen die präsidialen Fehler später gnädig im Text), und da ist wohl immer ein Hammer dabei! Wen's interessiert, der kann ja mal „spacial entrepreneur“ in ne Suchmaschine eingeben ...

Zur Überschrift sei gesagt, dass Rollins sein Umfeld wohl so wahrnimmt, dass alle um ihn herum mit zunehmendem Alter lockerer werden, er will das aber nicht, er hasst Ruhe und Idylle, für ihn muss immer was auf dem Plan stehen, er will arbeiten und drängt seinen Booker, ihm immer noch mehr Termin zu checken, am liebsten eigentlich auch an Weihnachten.

Geboren wurde er an der Ostküste als Henry Lawrence Garfield, genauer gesagt, in Washington D.C. Heute lebt er aber in Los Angeles – wo er als hektischer, von Termin zu Termin hetzender, Ostküsten-Mensch ja eigentlich gar nicht hinpasse, da sind alle immer so locker und chillig drauf. Als kleine Randgeschichte ist ihm aufgefallen, dass die Leute, die im Reformhaus arbeiten – wo er als Gewohnheitstier alle drei Tage immer die gleichen zwölf Artikel kauft – immer kränklich aussehen und husten. Wenn man dann aber in ein Fast-Food Restaurant geht, sehen da alle aus wie geleckt und strotzen nur so vor Gesundheit – verkehrte Welt.

Da das neue Jahr noch nicht sehr ereignisreich für ihn war erzählt er von ein paar 2004-Erlebnissen. Als Einstand merkte er gleich zu Anfang an, dass er sehr wenig geschlafen hat in 2004 ...

U.a. erzählte er von einer Podiumsdiskussion in New York, wo politisch engagierte Musiker geladen waren, neben ihm selbst noch Krist Novoselic (Basser von Nirvana) und KRS-ONE (EastCoast HipHop-Legende). Letzterer legte dann auch schnell los und schockte die Menge mit der Aussage, dass die HipHop-Community den Anschlag vom 11. September begrüßt habe, dass das bestehende Weltsystem gestürzt werden, eine einheitliche Währung eingeführt und der Besitz gerecht verteilt werden müsse. Als nach diesem Dummsinn erst mal alle im Raum baff waren, versuchte Henry die Situation mit etwas Humor zu retten, erwähnte, dass die Russen Lenin doch einbalsamiert hätten und ihn bestimmt verleihen würden, die haben ja schließlich schonmal was Ähnliches wie sein Konzept probiert ... Fand KRS-ONE nicht so witzig und Rollins war wohl nachher auch nicht mehr so ein großer Fan von ihm, wie er das vor der gemeinsamen Veranstaltung war ...

Andere Erlebnisse für ihn in 2004 waren seine Auftritte vor US-Truppen in Afgahnistan und Irak, die Moderation eines Festivals für die Homo-Ehe und auch fürs Indy 500-Rennen, außerdem ein sehr cooler Filmdreh („The Alibi“) mit Selma Blair (!) und Steve Coogan und als Krönung die gemeinsamen Aufnahmen mit Ben Folds und Adrian Belew fürs Album von Star Trek-Captain Kirk, William Shatner, der sehr bizarr drauf sein muss. Nicht fehlen durften natürlich auch ein paar Bandstories (Japan, Skandinavien usw.), Reiseimpressionen und das ewige Mann/Frau-Thema.

Bevor das Ganze aber zu ner Inhaltsangabe einer fast dreistündigen Show verkommt und die Leser zu Tode langweilt: Rollins hat mal wieder gerockt und gezeigt, dass für ein paar vergnügliche Stunden mit vielen Denkanstößen und noch mehr Lachern nicht viel notwendig ist – wenn man Henry Rollins heißt!

Zum Abschluss gab er dem Publikum noch den Rat mit auf den Weg, bei Mißständen welcher Art auch immer nicht auf den Staat bzw. die Politiker zu warten, die wollen nur wiedergewählt werden und ihren Status erhalten; man muss selbst anpacken, denn sonst tut sich nichts! Klingt zwar etwas naiv, aber wo er Recht hat!


Tom Jentsch


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8/10



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